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Ratgeber

Hörgerät bei Tinnitus einstellen und testen

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Ein Hörgerät bei Tinnitus wird nach denselben Regeln eingestellt wie ohne Ohrgeräusch, es sollte aber den Tonbereich des Tinnitus verstärken. Den Erfolg zeigen zwei Werte: Sie verstehen mindestens 20 Prozentpunkte mehr Wörter, und ein Fragebogen zeigt weniger Belastung. Ein reines Tinnitusgerät prüft der Arzt nach mindestens vier Wochen.

Mehr verstandene Wörter mit Hörgerät
mindestens 20 Prozentpunkte
Hilfsmittel-Richtlinie des G-BA, Stand 16. Mai 2025
Probezeit mit Tinnitusgerät bis zur Kontrolle
mindestens 4 Wochen
Hilfsmittel-Richtlinie des G-BA, Stand 16. Mai 2025
Spürbare Besserung im Tinnitus-Fragebogen
etwa 11 Punkte nach 12 Wochen
Engelke und andere 2025, Stand 20. März 2025
Ein Hörakustiker zeigt einem Mann am Beratungstisch ein Hörgerät
Bild: KI generiert.

Ein Hörgerät bei Tinnitus wird wie jedes andere eingestellt

Für das Einstellen eines Hörgeräts bei Tinnitus gibt es keine eigene Vorschrift. Es gelten dieselben Regeln der Kassen wie bei jedem Hörgerät. Der Hörakustiker testet sorgfältig, schreibt die Ergebnisse auf, und am Ende prüft Ihr HNO-Arzt das Ergebnis.

Welche Art der Verstärkung der Hörakustiker wählt, ist weniger wichtig als gedacht. Ein Team in Südkorea hat 2019 114 Menschen mit Hochtonverlust und Tinnitus zufällig auf drei Gruppen mit verschiedenen Geräten verteilt. In allen drei Gruppen sank die Belastung durch den Tinnitus, und zwischen den Geräten gab es keinen Unterschied. Eine Beratung gab es dabei bewusst nicht, gemessen wurde also nur die Wirkung des Geräts.

Die Belege bleiben trotzdem dünn. Eine Auswertung aller Studien von 2018 fand nur acht brauchbare Studien mit zusammen 590 Teilnehmern und nannte die Qualität der Belege niedrig. Die HNO-Fachgesellschaften empfehlen Hörgeräte bei Tinnitus mit Hörverlust dennoch, weil besseres Hören die Gewöhnung an das Ohrgeräusch erleichtert.

Drei Zahlen zeigen, worauf es ankommt. In Ruhe sollen Sie mit Hörgerät mindestens 20 Prozentpunkte mehr Wörter verstehen, mit Lärm im Hintergrund mindestens 10. Eine Studie mit 70 Menschen fand den besten Effekt, wenn die Tonhöhe des Tinnitus im verstärkten Bereich lag.

Worauf es beim Einstellen und Testen eines Hörgeräts bei Tinnitus ankommt.
PunktWarum er bei Tinnitus zähltBeleg
Verstärkung im Tonbereich des TinnitusGeräusche aus der Umgebung überdecken das Ohrgeräusch eher, wenn es im verstärkten Bereich liegtStudie von 2012 mit 70 Menschen
Art der Verstärkungdrei verschiedene Arten senkten die Belastung gleich starkStudie von 2019 mit 114 Menschen
Rauschen zusätzlich zum HörgerätKombigeräte waren normalen Hörgeräten nicht überlegenAuswertung von 2018, drei Studien mit 114 Menschen
Tragen den ganzen Tagdie Fachärzte raten, Stille zu meiden und angenehme Geräusche zu nutzenEmpfehlungen der HNO-Fachgesellschaften
Beratung und Begleitungstark belastete Menschen tragen Hörgeräte seltenerStudie von 2018 mit 133 Menschen
Verstehen mit Gerätmindestens 20 Prozentpunkte mehr in Ruhe und 10 mit LärmRegeln der Kassen für Hörgeräte

Das Hörgerät sollte die Tonhöhe Ihres Tinnitus erreichen

Ein Hörgerät kann das Ohrgeräusch nur überdecken, wenn es im passenden Tonbereich verstärkt. Eine Auswertung von 70 Menschen mit Tinnitus und Hörgerät zeigte 2012 diesen Zusammenhang. Die Geräte überdeckten den Tinnitus eher, wenn die Betroffenen tiefe Töne gut hörten und der Tinnitus im verstärkten Bereich lag. Wer das erreichte, war danach auch weniger belastet.

Die Tonhöhe aus der Tinnitus-Analyse ist deshalb ein Arbeitswert für die Einstellung. Meist liegt der Tinnitus dort, wo Sie am schlechtesten hören, also genau dort, wo das Hörgerät verstärken soll. Bei Tinnitus bis etwa 6.000 Hertz hilft ein Hörgerät womöglich mehr als bei sehr hohen Tönen, aber auch dort gibt es gute Ergebnisse.

Für die Kasse gilt eine feste Grenze. Sie zahlt ein Hörgerät, wenn Sie bei mindestens einer Tonhöhe zwischen 500 und 4.000 Hertz erst ab 30 Dezibel hören und höchstens 80 Prozent der Wörter verstehen. Liegt Ihr Hörverlust nur bei höheren Tönen, ist diese Grenze nicht erreicht. Die Fachärzte halten ein Hörgerät dann im Einzelfall trotzdem für sinnvoll. Wer zahlt, klären Sie vorher mit Arzt und Kasse.

Den Erfolg zeigen Sprachtest und Tinnitus-Fragebogen

Die Kassen verfolgen zwei Ziele. Ein Hörgerät soll den Hörverlust möglichst gut ausgleichen. Ein Tinnitusgerät soll erreichen, dass Sie das Ohrgeräusch nicht mehr als störend wahrnehmen. Bei einem Hörgerät für einen Menschen mit Tinnitus zählen deshalb zwei Messungen, und beide brauchen einen Wert von vor der Anpassung.

Wie viel besser Sie hören, misst ein Worttest über Lautsprecher im Raum. Bei normaler Gesprächslautstärke sollen Sie mit Hörgeräten mindestens 20 Prozentpunkte mehr Wörter verstehen, mit Lärm im Hintergrund mindestens 10. Ihr HNO-Arzt prüft das am Ende mit einer eigenen Messung.

Wie stark Sie der Tinnitus belastet, misst ein Fragebogen, etwa die deutsche Kurzform mit zwölf Fragen. Er zeigt Veränderungen durch eine Behandlung zuverlässig. Für einen englischen Fragebogen hat eine europäische Studie 2025 ermittelt, ab wann Betroffene eine Besserung überhaupt spüren. Nach zwölf Wochen lag die Grenze bei etwa 11 Punkten, bei hoher Belastung am Anfang höher.

Zwischen den Terminen hilft ein Hörtagebuch. Notieren Sie beim Probetragen jeden Tag:

  • wie viele Stunden Sie das Gerät getragen haben
  • wie stark Sie das Ohrgeräusch auf einer Skala von 0 bis 10 wahrgenommen haben
  • in welchen Situationen es leiser oder lauter wurde
  • welche Geräusche Ihnen mit dem Gerät zu laut, zu scharf oder unangenehm waren
  • wie gut Sie abends eingeschlafen sind

Wie lange Sie ein Hörgerät bei Tinnitus testen

Für das Probetragen gelten zwei Regeln. Ein Hörgerät testen Sie nach den Verträgen von AOK und Betriebskrankenkassen mehrere Tage im Alltag, darunter mindestens eines ohne Aufpreis. In dieser Zeit haften Sie, wenn das Testgerät verloren geht. Ein Tinnitusgerät oder Kombigerät testen Sie mindestens vier Wochen, bevor Ihr Arzt prüft, ob es hilft.

Beim Tinnitus zeigt sich die Wirkung oft langsamer als beim Hören. Die Studie aus Südkorea hat die Belastung nach drei und nach sechs Monaten gemessen, nicht nach wenigen Tagen. Sagen Sie Ihrem Hörakustiker deshalb, dass Sie das Gerät auch wegen des Tinnitus tragen, damit er Termine zum Nachstellen einplant.

Stark belastete Menschen brauchen mehr Begleitung. Eine Auswertung aus einer amerikanischen Tinnitus-Klinik mit 133 Menschen fand 2018: Je stärker die Belastung, desto seltener wurden Hörgeräte getragen. Die Fachärzte nennen deshalb auch ein gezieltes Hörtraining als Weg, mit dem Hörgerät besser zurechtzukommen.

Probetragen bei Tinnitus in 5 Schritten
  1. Werte vom Anfang festhalten

    Worttest ohne Gerät und Tinnitus-Fragebogen vor der Anpassung.

  2. Erste Einstellung

    Der Hörakustiker stellt mindestens ein Gerät ohne Aufpreis ein und achtet auf den Tonbereich des Ohrgeräuschs.

  3. Test im Alltag

    Sie tragen das Gerät mehrere Tage und führen ein Hörtagebuch. In dieser Zeit haften Sie für das Testgerät.

  4. Feineinstellung und neue Messung

    Der Hörakustiker stellt nach Ihren Notizen nach und misst das Verstehen in Ruhe und mit Lärm erneut.

  5. Kontrolle beim Arzt

    Ihr HNO-Arzt prüft die Werte mit einer eigenen Messung, bei einem Tinnitusgerät nach mindestens vier Wochen.

Ein Kombigerät erst, wenn das Hörgerät nicht reicht

Ein Tinnitus-Kombigerät ist ein Hörgerät mit eingebautem Rauschen. Hören Sie zugleich schlechter, zahlt die Kasse es nur, wenn ein Hörgerät allein das Ohrgeräusch nicht genug dämpft. Das Hörgerät kommt also zuerst, und erst sein Ergebnis entscheidet über den nächsten Schritt.

Die Studien sprechen nicht dafür, diesen Schritt zu überspringen. Eine Auswertung von 2018 hat drei Studien mit zusammen 114 Teilnehmern zusammengefasst, die Kombigeräte mit Hörgeräten verglichen. Einen Unterschied bei der Belastung fand sie nicht. Mehr dazu steht im Ratgeber Hörgerät und Noiser bei Tinnitus. Hat das Hörgerät nach sorgfältiger Einstellung nicht genug geholfen, sprechen Sie zuerst mit Ihrem HNO-Arzt.

6 Schritte, mit denen Sie die Anpassung begleiten

Sie können viel dazu beitragen, dass die Anpassung gelingt und der Erfolg messbar wird.

  1. Bringen Sie Rezept, Hörkurve und die Werte Ihrer Tinnitus-Analyse zum ersten Termin mit.
  2. Füllen Sie vor der Anpassung einen Tinnitus-Fragebogen aus und lassen Sie das Ergebnis aufschreiben.
  3. Testen Sie mindestens ein Gerät ohne Aufpreis im Alltag und führen Sie ein Hörtagebuch.
  4. Tragen Sie das Gerät den ganzen Tag, auch in ruhigen Räumen, nicht nur im Gespräch.
  5. Bringen Sie Ihre Notizen zur Feineinstellung mit und lassen Sie das Verstehen erneut messen.
  6. Wiederholen Sie den Fragebogen am Ende und entscheiden Sie erst dann über ein Gerät mit Aufpreis.

Bleibt die Belastung trotz gut eingestelltem Gerät hoch, liegt das nicht an der Technik und ist allein kein Grund für ein teureres Gerät. Bei chronischem Tinnitus empfehlen die Fachärzte vor allem eine Verhaltenstherapie, deren Wirkung am besten belegt ist. Den Weg dorthin öffnet Ihr Arzt.

Häufige Fragen

Wie lange dauert es, bis ein Hörgerät bei Tinnitus wirkt?

Eine feste Dauer, bis ein Hörgerät bei Tinnitus wirkt, gibt es nicht. Ein Hörgerät testen Sie mehrere Tage im Alltag, ein Tinnitusgerät mindestens vier Wochen. In einer Studie mit 114 Menschen wurde die Wirkung auf den Tinnitus nach drei und sechs Monaten gemessen.

Wird ein Hörgerät bei Tinnitus anders eingestellt?

Nein, ein Hörgerät bei Tinnitus wird nach denselben Regeln eingestellt wie ohne Ohrgeräusch. Wichtig ist, dass es den Tonbereich des Tinnitus verstärkt, weil es das Geräusch sonst kaum überdeckt. In einer Studie wirkten drei verschiedene Arten der Verstärkung gleich gut.

Woran erkenne ich, ob das Hörgerät meinen Tinnitus lindert?

Ob das Hörgerät Ihren Tinnitus lindert, zeigt ein Tinnitus-Fragebogen, den Sie vor der Anpassung und am Ende des Probetragens ausfüllen. Bei einem verbreiteten Fragebogen gilt eine Besserung um etwa 11 Punkte nach zwölf Wochen als spürbar. Wie viel besser Sie hören, zeigt zusätzlich der Worttest.

Bekomme ich ein Tinnitus-Kombigerät, wenn das Hörgerät nicht reicht?

Ja, ein Tinnitus-Kombigerät zahlt die Kasse, wenn ein Hörgerät allein das Ohrgeräusch nicht genug dämpft. Das entscheidet Ihr HNO-Arzt nach der Anpassung des Hörgeräts. In Studien war ein Kombigerät einem normalen Hörgerät aber nicht überlegen.

Zahlt die Krankenkasse ein Hörgerät bei Tinnitus ohne starken Hörverlust?

Ein Hörgerät zahlt die Krankenkasse auch bei Tinnitus nur ab einem bestimmten Hörverlust. Sie hören dann bei einer Tonhöhe zwischen 500 und 4.000 Hertz erst ab 30 Dezibel und verstehen höchstens 80 Prozent der Wörter. Ohne solchen Hörverlust kann der Arzt bei chronischem Tinnitus ein reines Tinnitusgerät verschreiben.

Quellen und Methodik

Quellen und Lizenzen

  1. Hilfsmittel-Richtlinie, §§ 19, 21, 24 und 30, in Kraft seit 16. Mai 2025, Gemeinsamer Bundesausschuss,
  2. Vertrag über die Versorgung der Versicherten ab 18 Jahren mit Hörsystemen nach § 127 Abs. 1 SGB V, Fassung vom 1. April 2023, § 3 und § 4 Absatz 5, AOK-Gemeinschaft und Bundesinnung der Hörakustiker,
  3. Vertrag zur bundesweiten Hörsystemversorgung BKK-Versicherter mit der Bundesinnung der Hörakustiker, gültig ab 1. Juni 2023, Leistungsbeschreibung, BKK-Landesverbände und Bundesinnung der Hörakustiker, veröffentlicht von der mhplus Krankenkasse,
  4. S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus, AWMF-Register 017/064, Stand 15. September 2021, Abschnitte 3.2, 4.1.2.1, 4.1.2.2, 4.1.2.4, 4.1.3 und Anhang 3 (Gültigkeit bis 14. September 2026, in Überarbeitung), Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO-KHC),
  5. Patientenleitlinie Chronischer Tinnitus, Abschnitt 2, Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO-KHC),
  6. Yakunina N und andere: Tinnitus Suppression Effect of Hearing Aids in Patients With High-frequency Hearing Loss, a randomized double-blind controlled trial. Otology and Neurotology 2019;40(7):865-871, doi 10.1097/MAO.0000000000002315, National Library of Medicine, PubMed,
  7. McNeill C und andere: Tinnitus pitch, masking, and the effectiveness of hearing aids for tinnitus therapy. International Journal of Audiology 2012;51(12):914-919, doi 10.3109/14992027.2012.721934, National Library of Medicine, PubMed,
  8. Sereda M und andere: Sound therapy (using amplification devices and/or sound generators) for tinnitus. Cochrane Database of Systematic Reviews 2018, CD013094, doi 10.1002/14651858.CD013094.pub2, National Library of Medicine, PubMed,
  9. Kimball SH und andere: Hearing Aids as a Treatment for Tinnitus Patients with Slight to Mild Sensorineural Hearing Loss. Seminars in Hearing 2018;39(2):123-134, doi 10.1055/s-0038-1641739, National Library of Medicine, PubMed,
  10. Hiller W, Goebel G: Rapid assessment of tinnitus-related psychological distress using the Mini-TQ. International Journal of Audiology 2004;43(10):600-604, doi 10.1080/14992020400050077, National Library of Medicine, PubMed,
  11. Engelke M und andere: Estimation of Minimal Clinically Important Difference for Tinnitus Handicap Inventory and Tinnitus Functional Index. Otolaryngology Head and Neck Surgery 2025;173(1):69-79, doi 10.1002/ohn.1217, National Library of Medicine, PubMed,

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Stand dieser Angaben: 2. Oktober 2026.