Die Tinnitus-Analyse misst vier Werte
Ein Tinnitus hat meist keine Schallquelle außerhalb des Kopfes, deshalb kann ihn kein Gerät direkt aufzeichnen. Die Tinnitus-Analyse arbeitet deshalb mit Vergleichen. Ein Messgerät spielt Töne oder Rauschen vor, und Sie sagen, welcher Klang Ihrem Ohrgeräusch am nächsten kommt und wann er gleich laut ist. Jede Zahl beruht also auf Ihrer Wahrnehmung.
Die vier Werte gehen auf eine Empfehlung von Fachleuten aus dem Jahr 1981 zurück. Drei davon zählen die HNO-Fachgesellschaften heute zur Grunduntersuchung beim Arzt: Lautstärke, Tonhöhe und die Lautstärke, ab der ein Rauschen das Geräusch überdeckt.
| Messwert | So wird gemessen | Was der Wert zeigt | Was er nicht zeigt |
|---|---|---|---|
| Tonhöhe | Sie vergleichen Töne oder Rauschen verschiedener Höhe mit Ihrem Ohrgeräusch | in welchem Tonbereich das Geräusch liegt | wie belastend es ist; nach Monaten schwankt der Wert deutlich |
| Lautstärke | ein Ton wird lauter gestellt, bis er gleich laut klingt | wie viel Schall nötig ist, um das Geräusch nachzubilden | wie laut Sie es im Alltag empfinden und wie sehr es stört |
| Überdeckbarkeit | ein Rauschen wird lauter, bis Sie das Ohrgeräusch nicht mehr hören | ob und ab wann ein Rauschen das Geräusch überdeckt | ob ein Rauschgerät hilft; Fachärzte raten davon ab |
| Kurzes Verschwinden danach | nach dem Rauschen sagen Sie, ob das Geräusch leiser oder kurz weg ist | ob das Geräusch nach Schall kurz zurückgeht | wie es weitergeht und welche Behandlung passt |
Der Arzt misst außerdem, ab welcher Lautstärke Ihnen Töne unangenehm werden. Das ist wichtig, weil viele Menschen mit Tinnitus auch überempfindlich auf Geräusche reagieren. Diese Überempfindlichkeit heißt Hyperakusis.
Das Ohrgeräusch liegt meist dort, wo Sie am schlechtesten hören
Aufschlussreich ist die Tonhöhe vor allem zusammen mit Ihrer Hörkurve, dem Audiogramm. Nach der Patienteninformation der HNO-Fachgesellschaften geht ein Tinnitus in über 90 Prozent der Fälle mit einem Hörverlust einher. Fast immer liegt das Geräusch bei der Tonhöhe, bei der Sie am schlechtesten hören.
Die Fachärzte erklären das so: Das Gehirn versucht, fehlende Töne durch mehr eigene Aktivität auszugleichen, und diese Aktivität hören Sie als Ton oder Rauschen. Viele merken ihren Hörverlust gar nicht, weil der Tinnitus im Vordergrund steht. Die Ursache klärt diese Übereinstimmung aber nicht, das bleibt Aufgabe des Arztes.
Für das Hörgerät zählt die Tonhöhe aus einem praktischen Grund. Ein Hörgerät kann das Ohrgeräusch nur dort in den Hintergrund rücken, wo es Geräusche wieder hörbar macht. Bei Tinnitus bis etwa 6.000 Hertz hilft ein Hörgerät nach den Fachärzten womöglich mehr als bei sehr hohem Tinnitus, doch auch dort gibt es gute Ergebnisse.
Die gemessene Lautstärke sagt wenig über die Belastung
Wie laut ein Tinnitus gemessen wird, hat mit der Belastung wenig zu tun. Die Forschung ist sich einig, dass kein gemessener Wert in einem festen Verhältnis dazu steht, wie stark jemand leidet.
Die Psychologen Wolfgang Hiller und Gerhard Goebel haben das 2007 an 4.958 Betroffenen untersucht. Sie fanden nur einen mittleren Zusammenhang zwischen angegebener Lautstärke und Belastung. Etwa jeder Dritte, der seinen Tinnitus als sehr laut beschrieb, war nur leicht oder mittel belastet. Stärker belastet waren Menschen mit Hörverlust, mit Schwindel und vor allem mit Überempfindlichkeit gegen Geräusche.
Die Belastung misst der Arzt deshalb nicht mit einem Gerät, sondern mit einem Fragebogen. Er teilt sie in vier Grade ein. Bei Grad 1 und 2 kommen Betroffene gut zurecht, bei Grad 3 und 4 ist der Leidensdruck hoch. Gebräuchlich sind etwa diese Fragebögen:
- der ausführliche deutsche Tinnitus-Fragebogen von Goebel und Hiller
- seine Kurzform mit zwölf Fragen
- ein weiterer kurzer Fragebogen zur Beeinträchtigung im Alltag
- zwei englische Fragebögen, die es auch in geprüfter deutscher Fassung gibt
- einfache Skalen von 0 bis 10 für Lautstärke und Belästigung, um den Verlauf festzuhalten
Für Sie heißt das: Eine hohe gemessene Lautstärke beweist keine schwere Erkrankung, und eine niedrige heißt nicht, dass Sie übertreiben. Welche Behandlung passt, hängt von Ursache, Belastung und Begleiterkrankungen ab.
Wie verlässlich die Messung der Tonhöhe ist
Die Messung der Tonhöhe ist weniger stabil, als ein genauer Wert in Hertz vermuten lässt. Forscher der Universität Nottingham haben 2014 geprüft, wie gut sich Tonhöhe und Lautstärke bei wiederholter Messung bestätigen. Bei der Lautstärke wurden die Werte in der zweiten Sitzung genauer, weil die Teilnehmer geübter waren. Die Tonhöhe schwankte stärker.
Nach zwei Wochen stimmte die Tonhöhe noch gut genug überein. Nach drei Monaten passten nur noch die Durchschnittswerte der ganzen Gruppe, nicht mehr die Werte der einzelnen Menschen. Das betrifft vor allem Angebote, die eine genaue persönliche Tonhöhe voraussetzen.
Ein Überblick von 2016 kommt zum selben Schluss. Die vier Werte werden in vielen Praxen gemessen, taugen aber nicht für eine Diagnose, eine Vorhersage oder die Kontrolle des Verlaufs. Es fehlen Vergleichswerte, mit denen sich ein einzelner Wert einordnen ließe.
Wer die Tinnitus-Analyse macht und bezahlt
Die Tinnitus-Analyse gehört zuerst in die HNO-Praxis. Die Fachärzte zählen sie zur Grunduntersuchung bei chronischem Tinnitus, einmal und erneut, wenn es deutlich schlechter wird. Soll die Kasse ein Tinnitusgerät zahlen, muss der Arzt vorher Tonhöhe und Überdeckbarkeit messen.
Diese Messung für das Rezept muss der Arzt selbst machen. Er darf damit keinen Hörakustiker beauftragen und dessen Werte übernehmen. Bietet eine Praxis einzelne Messungen zum Selbstzahlen an, muss sie Ihnen die Kosten vorher schriftlich nennen.
Der Hörakustiker misst die Werte noch einmal, wenn er ein Hörgerät oder Kombigerät anpasst. Das gehört zu seinem Handwerk. Hat der Arzt das Gerät verschrieben, ist diese Messung im Festbetrag bezahlt. Eine Tinnitus-Analyse ohne Rezept zahlt die Kasse dagegen nicht. Ob der Betrieb dafür Geld verlangt, entscheidet er selbst, fragen Sie also vorher nach dem Preis.
Hörtest und Untersuchung
Die HNO-Praxis fragt nach Ihren Beschwerden, untersucht das Ohr und misst Ihr Gehör mit Tönen und Sprache.
Ohrgeräusch messen
Die Praxis bestimmt Tonhöhe, Lautstärke und Überdeckbarkeit, bei Bedarf auch die Grenze für unangenehm laute Töne.
Belastung einschätzen
Ein Fragebogen ordnet die Belastung einem von vier Graden zu. Davon hängt ab, ob eine Psychotherapie nötig ist.
Rezept
Hören Sie schlechter, verschreibt der Arzt ein Hörgerät. Für ein Tinnitusgerät trägt er die selbst gemessenen Werte ein.
Anpassung und Kontrolle
Der Hörakustiker misst erneut und stellt das Gerät ein. Bei einem Tinnitusgerät prüft der Arzt nach mindestens vier Wochen, ob es hilft.
6 Fragen nach der Tinnitus-Analyse
Nach der Messung haben Sie ein Recht auf eine verständliche Erklärung. Diese Fragen helfen Ihnen, die Werte einzuordnen und das nächste Angebot zu prüfen.
- Bitten Sie um die Werte schriftlich: Tonhöhe, Lautstärke, Überdeckbarkeit und ob das Geräusch danach kurz leiser wurde.
- Lassen Sie sich zeigen, wo die Tonhöhe in Ihrer Hörkurve liegt und ob sie zu Ihrem größten Hörverlust passt.
- Fragen Sie, ob ein Hörgerät den Tonbereich Ihres Ohrgeräuschs verstärken kann.
- Fragen Sie nach dem Ergebnis des Fragebogens und dem Grad der Belastung.
- Fragen Sie, welche Leistung folgen soll, was sie kostet und ob die Fachärzte sie empfehlen.
- Nehmen Sie die Werte zum HNO-Arzt mit, wenn Ihr Ohrgeräusch noch nicht ärztlich untersucht ist.
Die Werte sind kein Befund, den Sie allein deuten müssen. Sie sind eine Momentaufnahme Ihrer Wahrnehmung. Erst zusammen mit Hörkurve, Fragebogen und Untersuchung beim Arzt ergeben sie ein Bild. Wie ein Hörgerät bei Tinnitus eingestellt wird, erklärt der Ratgeber zum Hörgerät bei Tinnitus. Was Hörgeräte und Noiser leisten, steht im Ratgeber Hörgerät und Noiser bei Tinnitus.
Häufige Fragen
Lässt sich die Tonhöhe eines Tinnitus messen?
Die Tonhöhe eines Tinnitus lässt sich nur durch Vergleich messen, weil das Ohrgeräusch meist keine Schallquelle außerhalb des Kopfes hat. Ein Gerät spielt Töne vor, und Sie sagen, welcher Ihrem Geräusch am nächsten kommt. Der Wert schwankt bei einer Wiederholung nach Monaten deutlich.
Was bedeutet die gemessene Lautstärke eines Tinnitus?
Die gemessene Lautstärke eines Tinnitus zeigt, wie laut ein Vergleichston sein muss, damit er gleich laut klingt wie Ihr Ohrgeräusch. Über die Belastung sagt der Wert wenig. In einer großen Befragung war etwa jeder Dritte mit sehr lautem Tinnitus nur leicht oder mittel belastet.
Ist eine Tinnitus-Analyse beim Hörakustiker kostenlos?
Eine Tinnitus-Analyse beim Hörakustiker ist im Festbetrag bezahlt, wenn sie zu einem Hörgerät oder Kombigerät auf Rezept gehört. Ohne Rezept entscheidet der Betrieb selbst, ob er Geld verlangt. Fragen Sie vorher nach dem Preis.
Ersetzt die Tinnitus-Analyse beim Hörakustiker den HNO-Arzt?
Nein, die Tinnitus-Analyse beim Hörakustiker ersetzt die Untersuchung beim HNO-Arzt nicht. Nur der Arzt untersucht das Ohr und sucht die Ursache. Für das Rezept eines Tinnitusgeräts muss er Tonhöhe und Überdeckbarkeit selbst messen.
Was heißt es, wenn der Tinnitus nach einem Rauschen kurz verschwindet?
Verschwindet der Tinnitus nach einem Rauschen kurz, heißt das, dass das Ohrgeräusch nach Schall vorübergehend zurückgeht. In einer Auswertung von 17 Studien war das Geräusch bei 34,5 Prozent der Patienten kurz ganz weg. Eine Vorhersage oder Behandlung lässt sich daraus nicht ableiten.
