Fachärzte empfehlen Selbsthilfe bei chronischem Tinnitus
Selbsthilfe gehört bei chronischem Tinnitus zur empfohlenen Behandlung. Die Empfehlungen der HNO-Fachgesellschaften von 2021 sagen, dass Betroffene zur Teilnahme an Selbsthilfe ermutigt werden sollten. Wer Menschen mit Tinnitus behandelt, soll früh darauf hinweisen.
Selbsthilfe heißt dort, dass Betroffene sich gegenseitig helfen, meist in Gruppen, die sich regelmäßig treffen, oder in Foren im Internet. Bücher, Internetprogramme und Tinnitus-Apps zählen ausdrücklich nicht dazu. Sobald Fachleute in solche Programme eingebunden sind, ist es eine Behandlung und keine Selbsthilfe mehr.
Studien zur Selbsthilfe gibt es wenige. Selbsthilfe läuft meist ehrenamtlich und über Mitgliedsbeiträge, es wird nichts verkauft, und deshalb bezahlt niemand Studien. Eine Befragung von 1.108 Betroffenen fand trotzdem einen Unterschied. Wer eine Gruppe besuchte, wusste deutlich mehr über Tinnitus und über Hilfen als Menschen ohne Kontakt zur Selbsthilfe. Bei der Lebensqualität gab es keinen Unterschied.
5 Stellen, die bei Tinnitus ohne Verkaufsinteresse beraten
Fünf Stellen beraten Menschen mit Tinnitus, ohne an einem Gerät oder einer Behandlung zu verdienen. Sie unterscheiden sich darin, wer sie trägt und welche Fragen sie beantworten. Telefonzeiten und Beiträge können sich ändern, die Angaben haben den Stand 21. September 2026.
Die Mitgliedschaft in der Tinnitus-Liga kostet ab 50 Euro im Jahr, die anderen Stellen beraten kostenlos. Die Teilhabeberatung gibt es an rund 500 Orten, Kontaktstellen für Selbsthilfegruppen an gut 330 Orten.
| Stelle | Wer sie trägt | Was sie bei Tinnitus leistet | Kosten | So erreichen Sie sie |
|---|---|---|---|---|
| Deutsche Tinnitus-Liga | gemeinnütziger Selbsthilfeverein, gegründet 1986, rund 10.000 Mitglieder | Beratungstelefon von Betroffenen, rund 60 Selbsthilfegruppen, eine Zeitschrift; für Mitglieder Sprechstunden mit Ärzten, Juristen und Psychologen | Beratungstelefon kostenlos bis auf Telefonkosten, Mitgliedschaft ab 50 Euro im Jahr | 0202 24652-74 montags, mittwochs und donnerstags 10 bis 12 Uhr, dienstags 16 bis 18 Uhr; 030 688112-77 mittwochs und donnerstags 10 bis 14 Uhr |
| Unabhängige Patientenberatung Deutschland | Stiftung, die der Dachverband der Krankenkassen nach dem Gesetz errichtet hat | Rat zu Gesundheit und Ihren Rechten, etwa zu Kassenleistung, Rezept und Widerspruch | kostenlos | 0800 011 77 22, montags bis freitags zu festen Zeiten; Beratungsstellen in mehreren Städten; schriftlich über ein Onlineportal |
| Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung | vom Bundesarbeitsministerium gefördert | Beratung zu Reha und Teilhabe für Menschen mit Behinderung, oft durch selbst Betroffene | kostenlos | rund 500 Stellen, vor Ort, am Telefon oder per Video |
| Deutscher Schwerhörigenbund | Selbsthilfeverband schwerhöriger Menschen | Beratungsstellen mit Schwerpunkt Hören, beraten von selbst Betroffenen | kostenlos | Beratungsstellen über die Karte auf schwerhoerigen-netz.de |
| Selbsthilfekontaktstellen | Träger vor Ort, unter anderem von den Krankenkassen gefördert | vermitteln Selbsthilfegruppen am Wohnort, zu allen Themen | meist kostenlos, manchmal kleine Beiträge für Raummiete oder Kopien | gut 330 Orte; Suche in der Datenbank der NAKOS, Telefon 030 31 01 89 60 |
Die Unabhängige Patientenberatung ist die richtige Stelle, wenn es um Ihre Rechte gegenüber Kasse, Arzt oder Hörakustiker geht, etwa bei einem abgelehnten Rezept oder einem strittigen Kostenvoranschlag. Die Teilhabeberatung hilft, wenn der Tinnitus Arbeit, Ausbildung oder Alltag einschränkt. Beratungstelefon und Selbsthilfegruppen helfen vor allem dabei, im Alltag mit dem Ohrgeräusch zu leben.
Warum der Hörakustiker kein unabhängiger Berater ist
Der Hörakustiker berät Sie und verkauft Ihnen zugleich das Gerät. Das ist kein Vorwurf, sondern seine Rolle. Er muss Sie beraten, welche Geräte für Sie geeignet und nötig sind, und das Gespräch schriftlich festhalten. Sein Geld verdient er aber mit dem Preis, den die Kasse zahlt, und mit möglichen Aufpreisen, deshalb ist er nicht neutral.
Auch andere haben Interessen, die Sie kennen sollten. Die Krankenkasse muss Sie über ihre Verträge informieren, zahlt aber auch die Geräte. Zur Tinnitus-Liga gehören neben den Betroffenen rund 400 fördernde Fachleute, darunter HNO-Ärzte, Psychologen und Hörakustiker. Das Beratungstelefon betreuen dagegen geschulte Ehrenamtliche, die selbst betroffen sind. So sichern die unabhängigen Stellen ihre Neutralität:
- Bei der Unabhängigen Patientenberatung darf niemand beraten, der an der Frage Geld verdient.
- Die Teilhabeberatung ist von Kassen und Hörakustikern unabhängig.
- Selbsthilfegruppen leben von Mitgliedsbeiträgen, Ehrenamt und der Förderung durch die Krankenkassen.
- Am Telefon der Tinnitus-Liga beraten Betroffene, die nach Angaben der Liga regelmäßig geschult werden.
- In der Teilhabeberatung beraten oft Menschen, die selbst eine Behinderung haben oder Angehörige sind.
Die Kassen fördern Selbsthilfe mit 1,44 Euro je versicherter Person
Einen Teil der Selbsthilfe bei Tinnitus zahlen die gesetzlichen Krankenkassen. Sie fördern Selbsthilfegruppen, Selbsthilfeverbände und Kontaktstellen. Für 2016 legte das Gesetz dafür 1,05 Euro je versicherter Person fest, und der Betrag steigt jedes Jahr. Für 2026 nennt die Techniker Krankenkasse 1,44 Euro je versicherter Person.
Mindestens 70 Prozent dieses Geldes vergeben alle Kassen gemeinsam als feste Förderung. Selbsthilfegruppen können dort Geld für ihre Arbeit oder für ein Projekt beantragen. Ob eine Gruppe von ihren Teilnehmern einen Beitrag verlangt, entscheidet sie selbst. Die Vermittlung durch die Kontaktstellen ist meist kostenlos.
Kosten haben Sie vor allem, wenn Sie Mitglied eines Verbands werden. Bei der Tinnitus-Liga kostet das mindestens 50 Euro im Jahr, bei geringem Einkommen 25 Euro. Wer ab dem 1. Juli eintritt, zahlt im ersten Jahr die Hälfte. Mitglieder bekommen die Zeitschrift der Liga und können die Sprechstunden mit Fachleuten nutzen.
So finden Sie eine Tinnitus-Selbsthilfegruppe in 6 Schritten
Eine Selbsthilfegruppe finden Sie am schnellsten über die Liste der Tinnitus-Liga. Steht dort nichts in Ihrer Nähe, helfen die Kontaktstellen.
- Suchen Sie in der Gruppenliste auf tinnitus-liga.de nach Ihrer Postleitzahl. Dort stehen auch Gruppen, die sich online treffen, etwa für junge Betroffene.
- Finden Sie dort keine Gruppe, suchen Sie in der Datenbank der NAKOS die Kontaktstelle an Ihrem Wohnort und fragen Sie nach Gruppen zu Tinnitus, Hörsturz oder Schwerhörigkeit.
- Melden Sie sich bei der Ansprechperson der Gruppe und fragen Sie nach Ort, Termin und möglichen Kosten.
- Besuchen Sie ein erstes Treffen, bevor Sie irgendwo Mitglied werden.
- Klären Sie Fragen zu Kasse, Rezept oder Widerspruch bei der Unabhängigen Patientenberatung, Fragen zu Arbeit und Teilhabe bei der Teilhabeberatung.
- Sprechen Sie mit Ihrem HNO-Arzt, wenn der Tinnitus Sie trotz Selbsthilfe stark belastet. Die Gruppe ergänzt die Behandlung, sie ersetzt sie nicht.
Die Tinnitus-Liga veranstaltet mit Gruppen vor Ort auch Infotage, an denen Fachleute aus Medizin, Hörakustik und Psychologie Fragen beantworten. Dort können Sie eine Gruppe kennenlernen, ohne sich festzulegen.
Wann Sie bei Tinnitus zuerst zum Arzt gehen
Selbsthilfe setzt voraus, dass ein Arzt Ihr Ohrgeräusch untersucht hat. Die Empfehlungen der Fachärzte gelten für chronischen Tinnitus, der seit mindestens drei Monaten besteht. Ein plötzliches Ohrgeräusch, vor allem mit Hörverlust, behandelt der HNO-Arzt wie einen Hörsturz.
Kam das Ohrgeräusch plötzlich, vielleicht mit Hörverlust, Druck im Ohr oder Schwindel?
Gehen Sie sofort zum HNO-Arzt. Ein plötzliches Ohrgeräusch behandelt er wie einen Hörsturz, Selbsthilfe kommt erst danach.
Haben Sie den Tinnitus seit mehr als drei Monaten, und hat ein HNO-Arzt ihn untersucht?
Stört der Tinnitus Schlaf, Arbeit oder Stimmung so stark, dass Sie kaum zurechtkommen?
Sprechen Sie mit dem Arzt über eine Verhaltenstherapie, deren Wirkung am besten belegt ist. Gruppe und Beratungstelefon können Sie zugleich nutzen.
Dann passen eine Selbsthilfegruppe oder das Beratungstelefon der Tinnitus-Liga. Die Fachärzte empfehlen, früh an Selbsthilfe zu denken.
Lassen Sie das Ohrgeräusch zuerst beim HNO-Arzt untersuchen. Die Untersuchung ist die Grundlage jeder Beratung und Behandlung.
Häufige Fragen
Was kostet eine Tinnitus-Selbsthilfegruppe?
Was eine Tinnitus-Selbsthilfegruppe kostet, legt jede Gruppe selbst fest, eine feste Gebühr gibt es nicht. Die Vermittlung durch Kontaktstellen ist meist kostenlos. Die Mitgliedschaft in der Deutschen Tinnitus-Liga kostet ab 50 Euro im Jahr, ermäßigt 25 Euro.
Muss ich Mitglied der Deutschen Tinnitus-Liga sein, um beraten zu werden?
Nein, für das Beratungstelefon der Deutschen Tinnitus-Liga müssen Sie kein Mitglied sein, Sie zahlen nur die Telefonkosten. Die Sprechstunden mit Ärzten, Juristen und Psychologen sind Mitgliedern vorbehalten.
Wo bekomme ich kostenlose unabhängige Beratung zu Hörgerät und Krankenkasse?
Kostenlose unabhängige Beratung zu Hörgerät und Krankenkasse bietet die Unabhängige Patientenberatung Deutschland unter 0800 011 77 22, schriftlich über ihr Onlineportal und in Beratungsstellen. Dort berät niemand, der an der Frage verdient. Bei Fragen zu Reha und Teilhabe hilft die unabhängige Teilhabeberatung.
Was halten HNO-Ärzte von Selbsthilfe bei Tinnitus?
Die HNO-Fachgesellschaften empfehlen, Menschen mit chronischem Tinnitus zur Selbsthilfe zu ermutigen. In einer Befragung von 1.108 Betroffenen wussten Gruppenmitglieder deutlich mehr über Tinnitus und Hilfen. Apps und Onlineprogramme zählen die Fachärzte nicht zur Selbsthilfe.
Gibt es Tinnitus-Selbsthilfegruppen, die sich online treffen?
Ja, Tinnitus-Selbsthilfegruppen, die sich online treffen, stehen in der Gruppenliste der Deutschen Tinnitus-Liga, etwa für junge Betroffene. Auch die Datenbank der NAKOS nennt Gruppen, die sich bundesweit digital austauschen. Melden Sie sich dafür bei der Ansprechperson der Gruppe.
